Stalinstadt

Vergangenen Samstag machte ich einen Ausflug, der sich viel mehr wie eine Zeitreise anfühle. Ich fuhr ins zwei Stunden von Berlin entfernte Stalinstadt, das seit der Entstalinisierung im Jahr 1961 unter Eisenhüttenstadt bekannt ist.

Eisenhüttenstadt Bahnhof. Die Revolution ist bisher ausgeblieben.

Was von der nach den 16 Grundsätzen des Städtebaus errichteten Planstadt jedoch erhalten blieb, ist ihre einzigartige Architektur, die sich heute anfühlt wie eine Mischung aus sozialistischem Klassizismus und postapokalyptischer Geisterstadt. Im heutigen Eisenhüttenstadt vereint sich der Charme des Berliner Prachtboulevards Karl-Marx-Allee mit seinen Arbeiterpalästen mit der Gänsehaut, die Besucher der neben dem Reaktor von Tschernobyl gelegenen Stadt Prypjat verspüren, wenn sie sich den Glanz vergangener Zeiten vorzustellen versuchen.

Das nicht mehr sonderlich einladend wirkende Gästehaus

Wenn man zu den ohnehin schon wenigen Touristen gehört, die obendrein auch noch mit dem Zug anreisen, erwartet einen erst einmal ein zwanzig- bis dreißigminütiger Marsch vom Bahnhof ins Zentrum der Stadt. Nach etwa der Hälfte der Zeit passiert man dabei eine rote Stahlbrücke, die über einen einst für industrielle Zwecke angelegten Kanal führt.

Einige Gehminuten danach tun sich einem die unscheinbar grauen Wohnquartiere auf. Ihre äußere Fassade und die sie unterlaufenden Fußgängerpassagen erinnern an die Berliner Karl-Marx-Allee, in der die gefühlt um ein Hunderfaches höher sind.

In Architektur gegossene Sehnsucht nach vergangenen Zeiten

Geteilt werden die Wohnquartiere von einem Boulevard, an dem das City Hotel, einige Modegeschäfte (bei denen schon der Blick ins Schaufenster einer Zeitreise gleicht) und ein Kosmetik-Salon mit Anwaltkanzlei im Erdgeschoss liegen. An der Hauswand über dem Modegeschäft Feeling for Fashion ist eine von vielen Wandmalerien im Stil des Sozialistischen Realismus angebracht.

Neben dem Museum für Alltagskultur in der DDR, dessen aktuelle Bauhaus-Ausstellung ich sehr empfehlen kann, haben mich Landmarks, wie eines von den vielen, nach dem Zweiten Weltkrieg in der SBZ errichteten Sowjetischen Ehrenmälern angezogen. An seinem Fuß saßen einige Männer und tranken Bier. Sonst war es in der ganzen Stadt still und wie ausgestorben.

Alle Bilder können unter CC-BY 4.0-Lizenz genutzt werden.
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