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Die Avantgarde wohnt nicht mehr

Eine Wohnung in Berlin ist wie ein Festnetzanschluss: Nice to have, aber heutzutage vollkommen überbewertet. Ich habe beschlossen, dem Trend des kommenden Jahres zu folgen und in die hippe Post-Accommodation-Szene von Berlin einzutauchen.

Wer dachte, dass die zahlreichen Hipster ernsthaft noch in Berlin wohnen, sollte sich von seinem bornierten Weltbild verabschieden; Befeuert durch die Klimaerwärmung und dem damit negativ korrelierenden Wohnungsbedarf im Winter hat die lokale kosmopolitische Szene einen der müßigen Eckpfeiler der Bindung, den festen Wohnsitz, aufgegeben.
Und das nicht ohne Grund: Obdachlosigkeit als Lifestyle schafft ungeahnte Möglichkeiten der kreativen Betätigung, beispielsweise beim Protest gegen die Gentrifizierung durch Immobilienfonds und den wohlhabenden, ideenlosen Pöbel. Die wohnungsverzichtende Bohème begehrt mit ihrer Gegenkultur gegen die Trendinquisitor*innen in Kreuzberg, Friedrichshain und Mitte auf, welche sich dort ausbreiten und - wie schon die Spanier bei der "Entdeckung" Amerikas - ihre Seuchen gleich mitgebracht haben: Mietpreiserhöhungen und Kinder.
Doch das Leben auf der Straße beleuchtet nicht nur die Sonnenseite des Rinnsteins, nein, auch die verkümmerten zwischenmenschlichen Kontakte werden reaktiviert, ja sie werden gar auf einen neuen Level gehoben: das nette Gespräch und die Dosis verunreinigtes Heroin am Bahnhof Zoo lassen eine*n die Lebensrealität seine*r Gesprächspartner*in erst so richtig spüren, transzendent und inspirierend. Echter als jedes Video bei YouTube.
In der Szene hat diese mehrschichtige Art der Interaktion auch schon einen Namen: Post-Conversation.

Bei der Regeneration kreativer Schaffenskraft steht der neuen Avantgarde nichts mehr im Wege, der Geist erlebt seine vollkommene Befreiung in Designer-Pappkartons auf dem nassen Bürger-, pardon, Bohèmesteig bei obszönen Wortschöpfungsprozessen zum kreativeren Pöbeln oder dem post-hedonistischen Mittagsschlaf. Wer jetzt noch nicht wenigstens unironisch wohnt, hat einfach keinerlei Gespür für Trends.
Der Kaffeebecher mit den paar bronzenen Münzen ist ein Lifestyle-Accessoire das Authentizität hinterfragt, ein zynischer Vergleich des Selbst mit den mittellosen Obdachlosen, die gerade von den Post-Accommodation-Hipstern weggentrifiziert werden. Auch der beißende Gestank ist nicht mehr natürlichen Ursprungs: Ein neues Startup verkauft Parfum für den gepflegten Hobo, Eau de sans abri, und die Barbiere geben ihr Bestes beim Verfilzen der einst so ordentlichen Vollbärte.

Noch wird die Avantgarde des neuen (Er-)Lebens belächelt und im Schlaf mit Kleingeld beworfen, doch spätestens wenn uns die "obere Mittelschicht" gefolgt ist, wird dieses Lächeln schlagartig erlöschen.